Lehrlingsprogramm aufbauen: Ein roter Faden durch die Lehrzeit
Von Thomas Weinberger · 23. Oktober 2026 · ca. 7 Min. Lesezeit
Ein Lehrlingsprogramm verbindet Seminare, Ausbilder:innen und den Arbeitsalltag zu einem Plan über die ganze Lehrzeit. Jedes Lehrjahr bekommt einen eigenen Schwerpunkt, die Ausbilder:innen werden parallel begleitet, und was im Training entsteht, wird im Betrieb aufgegriffen. So wird aus „Wir schicken die Lehrlinge zu einem Seminar“ eine Entwicklung, die man über drei Jahre verfolgen kann.
In vielen Lehrbetrieben sieht die Praxis anders aus. Seminare werden gebucht, wenn es brennt: Im Team kracht es, die LAP rückt näher, ein Förderbudget muss noch verwendet werden. Jedes Seminar ist für sich gut. Nur hängen sie nicht zusammen.
Dieser Beitrag zeigt, wie Sie das ändern können, ohne Ihre Ausbildung komplett neu zu erfinden.
Was ist ein Lehrlingsprogramm?
Ein Lehrlingsprogramm ist mehr als eine Liste von Seminarterminen. Den Unterschied machen drei Dinge:
- Ein roter Faden. Jedes Lehrjahr baut auf dem vorigen auf. Was im ersten Jahr über Kommunikation gelernt wird, ist im zweiten Jahr die Grundlage für den Umgang mit Konflikten.
- Abstimmung mit dem Betrieb. Die Inhalte orientieren sich an Ihren Lehrberufen, Ihren Werten und an dem, was Ihre Lehrlinge im Alltag wirklich brauchen.
- Transfer als Teil des Plans. Was zwischen den Seminaren passiert, ist mindestens so wichtig wie das Seminar selbst.
Ein Programm muss dabei nicht groß sein. Zwei, drei gut gesetzte Termine pro Lehrjahr können schon einen roten Faden ergeben, wenn sie aufeinander Bezug nehmen.
Programm oder Einzelseminar?
Nicht jeder Lehrbetrieb braucht ein Programm. Ein einzelnes Seminar ist oft die richtige Wahl, wenn es einen klaren, begrenzten Anlass gibt: ein Team, das zusammenfinden soll, eine Gruppe vor der Lehrabschlussprüfung, ein Konflikt, der gelöst werden will.
Ein Programm lohnt sich vor allem dann, wenn
- Sie Ihre Lehrlinge über die Lehrjahre hinweg fördern möchten, sodass ein Schritt auf dem anderen aufbaut, statt dass Stückwerk entsteht,
- Sie jedes Jahr mehrere Lehrlinge aufnehmen und Ausbildung nicht jedes Mal neu planen wollen,
- Lehrlinge an mehreren Standorten ausgebildet werden und trotzdem eine gemeinsame Kultur erleben sollen,
- Sie möchten, dass gute Lehrlinge nach der Lehre bleiben,
- Ihre Ausbilder:innen sich mehr Sicherheit in ihrer Rolle wünschen.
Beides schließt sich nicht aus. Viele Programme beginnen mit einem einzelnen Seminar, das gut funktioniert hat. Die Frage ist dann: Was kommt danach?
Welche Themen passen in welches Lehrjahr?
Die meisten Lehren dauern drei Jahre, manche zwei oder vier. Das Prinzip bleibt gleich: Jedes Lehrjahr hat seine eigenen Fragen. Ein bewährter Bogen sieht so aus:
- 1. Lehrjahr – Ankommen: „Was wird hier von mir erwartet?“ Schwerpunkte: Rolle wechseln von Schüler:in zu Mitarbeiter:in, das Unternehmen verstehen, Kommunikation, Kund:innen, andere Lehrlinge kennenlernen.
- 2. Lehrjahr – Wachsen: „Wer bin ich in diesem Job?“ Schwerpunkte: Selbstmotivation, eigene Werte, Konflikte und schwierige Gespräche, sicher auftreten, mentale Gesundheit.
- 3. Lehrjahr – Verantwortung: „Wie geht es nach der Lehre weiter?“ Schwerpunkte: Verantwortung übernehmen, unternehmerisch denken, Umgang mit Stress und Prüfungsangst, LAP-Vorbereitung, Ziele nach der Lehre.
Zwischen den großen Etappen helfen kurze Zwischenstopps. Zur Halbzeit der Lehre etwa reicht oft ein halber Tag, um zurückzuschauen: Was ist schon gelungen, wo hakt es in der Umsetzung? Fast am Ende entsteht ein Lernplan bis zur LAP, der den Lehrlingen eine klare Richtung gibt.
Und manchmal braucht es vor allem anderen ein Fundament. Wenn Lehrlinge mit Lücken beim Rechnen oder Lesen in die Lehre starten, kann ein Basiskompetenztraining am Beginn stehen. Gemeinsam mit der BILLA AG haben wir erlebt, was das bewirkt: Im Vorher-Nachher-Test haben sich die Mathematik-Ergebnisse im Schnitt mehr als verdoppelt, die Lesekompetenz stieg um durchschnittlich 67 %.
Warum die Ausbilder:innen mitlernen sollten
Ein Programm, das nur die Lehrlinge erreicht, bleibt auf halbem Weg stehen. Denn im Alltag sind es die Ausbilder:innen, die aufgreifen, was im Seminar entstanden ist, oder eben nicht.
Deshalb lohnt es sich, die Ausbilder:innen entlang derselben Lehrjahre zu begleiten wie ihre Lehrlinge:
- Im 1. Lehrjahr: ausbilden. Die eigene Rolle klären, Wissen so weitergeben, dass es hängen bleibt, Feedback geben, das ankommt.
- Im 2. Lehrjahr: begleiten. Mit Motivationstiefs umgehen, schwierige Gespräche führen, bei persönlichen Themen hilfreich sein, ohne jedes Thema zum eigenen zu machen.
- Im 3. Lehrjahr: den Übergang gestalten. Vom Ausbilden zum Mentoring wechseln, Lehrlinge rund um die LAP gut begleiten, junge Fachkräfte im Unternehmen halten.
Der Effekt ist doppelt: Die Lehrlinge erleben, dass Training und Alltag zusammenpassen. Und die Ausbilder:innen fühlen sich in ihrer Rolle sicherer. Wer möchte, dass Gelerntes bleibt, investiert in beide Seiten.
Wie das Gelernte im Betrieb ankommt
Ob ein Training wirkt, entscheidet sich nicht im Seminarraum, sondern in den Wochen danach. Die Transferforschung, etwa die Arbeiten von Ina Weinbauer-Heidel zu den Stellhebeln des Lerntransfers, zeigt: Transfer beginnt vor dem Training und endet nicht mit dem letzten Seminartag.
In einem Programm lässt sich das gut einplanen:
- Vorher: Ausbilder:innen und Führungskräfte machen deutlich, dass sie erwarten und unterstützen, dass das Gelernte angewendet wird.
- Im Training: Jede Theorie hat einen Praxisteil mit Situationen aus dem eigenen Arbeitsalltag. Am Ende steht ein persönlicher Umsetzungsplan.
- Danach: Eine konkrete Transferaufgabe holt das Thema in den Betrieb. Zur Halbzeit der Lehre kann das zum Beispiel ein Feedbackgespräch sein, in dem Lehrling und Ausbilder:in sich gegenseitig Rückmeldung geben. Wie solche Gespräche gelingen, zeigt unser Leitfaden für Feedbackgespräche mit Lehrlingen. Vor der LAP holen sich die Lehrlinge eine Lernpartnerin oder einen Lernpartner aus der eigenen Gruppe, der sie bei ihren Zielen begleitet.
Der größte Vorteil eines Programms: Das nächste Seminar kann auf dem aufbauen, was seit dem letzten passiert ist. Erfolge werden sichtbar, Hürden kommen auf den Tisch. Bei einzelnen Seminaren geht genau das oft verloren.
Praxisbeispiel: Ein Programm wächst mit
Ein österreichisches Logistikunternehmen mit langer Ausbildungstradition wollte den Start in die Lehre praxisnäher und gemeinschaftlicher gestalten. Die Ausgangslage kennen viele Betriebe: Der Wechsel von der Schule in den Beruf war für manche Lehrlinge mit Sorgen verbunden.
Zu Lehrbeginn prasselten viele Informationen auf sie ein, und nicht alles blieb hängen. Worauf es in den ersten Wochen ankommt, lesen Sie im Beitrag zum Onboarding von Lehrlingen.
Gemeinsam haben wir das bestehende Ausbildungsprogramm um ein erlebnisorientiertes Onboarding erweitert: Startseminare zu Kommunikation und Auftreten, ein Outdoor-Event für Teambuilding, Formate zur Zusammenarbeit über Generationen hinweg. Gamification, Feedback und praxisnahe Aufgaben sorgen dafür, dass die Inhalte im Alltag ankommen.
Das Beispiel zeigt etwas, das für viele Programme gilt: Sie müssen nicht bei null anfangen. Oft ist schon vieles da. Ein Programm ergänzt das Bestehende dort, wo es am meisten bewirkt.
Checkliste: In fünf Schritten zum eigenen Programm
- Ziel klären. Was sollen Ihre Lehrlinge am Ende der Lehre können, fachlich und persönlich? Und was soll für den Betrieb anders sein, zum Beispiel weniger Abbrüche oder mehr Fachkräfte, die bleiben?
- Bestand sichten. Welche Seminare, Lehrlingstage und Gespräche gibt es schon? Was davon funktioniert gut?
- Den Bogen skizzieren. Pro Lehrjahr einen Schwerpunkt festlegen. Lieber wenige Termine, die aufeinander aufbauen, als viele, die nebeneinander stehen.
- Ausbilder:innen mitnehmen. Klären, wie sie das Programm im Alltag begleiten und welche Unterstützung sie dafür brauchen.
- Transfer und Auswertung einplanen. Transferaufgaben festlegen und nach jedem Jahrgang auswerten: Was hat gewirkt, was ändern wir für den nächsten?
Gut zu wissen: Weiterbildungen für Lehrlinge, die über das Berufsbild hinausgehen, und Weiterbildungen für Ausbilder:innen können über die betriebliche Lehrstellenförderung mit bis zu 75 % der Kurskosten gefördert werden – mit Obergrenzen und unter bestimmten Voraussetzungen. Bei Lehrlingen ist die Förderung insgesamt auf bis zu 3.000 € begrenzt, bei Ausbilder:innen auf bis zu 2.000 € pro Jahr. Für ein Programm über mehrere Lehrjahre lohnt es sich, das von Anfang an mitzuplanen.
Die aktuellen Bedingungen finden Sie in der Übersicht der Förderarten der WKO (Stand: 10/2026). Was für Ihr Programm in Frage kommt, klären wir gern im Gespräch, die Unterlagen für den Antrag bereiten wir für Sie vor.
Sie möchten Ihre Seminare zu einem Programm verbinden, wissen aber nicht, wo Sie ansetzen sollen? Gemeinsam mit Ihnen entwickeln wir ein Ausbildungskonzept, das zu Ihrem Betrieb passt.

Ihr Ansprechpartner
Philip Junker
Customer Relations, Learning Experience Design & Training
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Telefon: +43 676 898 629 624
E‑Mail: philip.junker@il.co.at
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